Europäische Institut für Menschenrechte - Prof. Dr. Dr. Ümit Yazıcıoğlu -
      Europäische Institut für Menschenrechte - Prof. Dr. Dr. Ümit Yazıcıoğlu -

Die These vom 'Kampf der Kulturen' im Zeitalter des neuen Terrorismus

 

Prof. Dr. Dr. Ümit Yazıcıoğlu

 

1. Einleitung

1.1. Samuel P. Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ als Ausgangspunkt

 

In seinem einflussreichen und viel diskutierten Werk „Kampf der Kulturen“ entwirft der Politologe Samuel P. Huntington ein Szenario, in dem die politischen Konfliktlinien der Post-Cold-War-Ära nicht mehr primär durch ideologische oder ökonomische Gegensätze bestimmt werden, sondern durch kulturelle und zivilisatorische Differenzen. Huntington postuliert, dass die entscheidenden Konflikte der Zukunft entlang der "kulturellen Bruchlinien" zwischen den großen Weltzivilisationen verlaufen werden. Er argumentiert, dass dieser Interessenskonflikt zwischen den Kulturen eine weitreichende Fragilität der Weltordnung zur Folge haben könnte, deren Gefahrenpotenzial schließlich in einer Art Drittem Weltkrieg münden könnte (Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 491 u. S. 514 ff.).

 

1.2. Fokussierung auf das Spannungsverhältnis zwischen Islam und westlicher Welt

 

Im Fokus der vorliegenden Untersuchung steht dabei ein spezifisches, von Huntington als besonders konfliktträchtig identifiziertes Verhältnis: die Auseinandersetzung zwischen der Kultur des Islam und der westlichen Welt. Diese Fokussierung erscheint nicht zuletzt vor dem Hintergrund der weltpolitischen Entwicklungen der letzten zwei Dekaden als hochgradig relevant. Die Arbeit zielt darauf ab, Huntingtons These einer Makroebene des Kulturenkonflikts zu konfrontieren mit der Mikroebene der Akteure, ihrer Motive und ihrer Mittel. Es gilt zu untersuchen, inwiefern die Rede von einem "Kampf der Kulturen" die komplexe Realität eines Konfliktes abbildet, der von nicht-staatlichen Akteuren mit transnationaler Reichweite ausgetragen wird.

 

1.3. Aktualität und Relevanz des Themas anhand exemplarischer Ereignisse

Die Dringlichkeit und anhaltende Aktualität dieser Thematik erschließt sich durch einen Blick auf die sicherheitspolitische Lage der vergangenen Jahre. Zahlreiche radikal-islamistisch motivierte Attentate haben die Diskussion um einen Kampf der Kulturen immer wieder neu entfacht. Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington stellten in diesem Kontext eine Zäsur dar, indem sie die Verwundbarkeit der westlichen Welt im Kern demonstrierten und einen neuen Typus des asymmetrischen Krieges einläuteten (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 47). Auch der Anschlag auf den Madrider Bahnhof Atocha im März 2004 verdeutlichte die Fähigkeit terroristischer Netzwerke, durch die Wahl des Zeitpunkts (unmittelbar vor Parlamentswahlen) unmittelbaren Einfluss auf die innenpolitische Willensbildung eines souveränen Staates auszuüben (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 209).

 

Ein weiteres, wenngleich in seiner Charakteristik anders gelagertes Beispiel, bietet die Geiselnahme von Beslan im September 2004. Die Tat tschetschenischer Terroristen, der mehrere Hundert Menschen, darunter viele Kinder, zum Opfer fielen, unterstrich die Entgrenzung der Gewalt und die Bereitschaft, unter Inkaufnahme eines hohen zivilen Blutvergießens politische Ziele zu verfolgen. Zwar spielten in Beslan neben dem muslimischen Glauben weiter Teile der Bevölkerung Tschetscheniens auch der von Moskau geführte Krieg eine entscheidende Rolle, weshalb dieser Fall nicht ohne Weiteres als Paradebeispiel für einen globalen Kulturenkonflikt dienen kann. Er verdeutlicht jedoch eine neue Qualität des Widerstands, die auch für den transnationalen Terrorismus konstitutiv ist: die Symbiose von lokalen Konflikten mit globalen Narrativen (Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 182 ff.).

 

1.4. Fragestellung, methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit

 

Aus diesen Beobachtungen leitet sich die zentrale Fragestellung der Arbeit ab: Inwiefern ist die These vom "Kampf der Kulturen" geeignet, den gegenwärtigen Konflikt zwischen radikalen Islamisten und der westlichen Welt zu erklären? Handelt es sich um einen tatsächlichen Zusammenprall von Zivilisationen oder vielmehr um die Instrumentalisierung kultureller und religiöser Symbole durch bestimmte Akteure für ihre politischen Zwecke?

 

Um dieser Frage nachzugehen, wird die Arbeit in mehreren Schritten vorgehen. Zunächst werden die Reibungspunkte und Ursachen der Auseinandersetzung untersucht, wobei eine strenge Differenzierung zwischen der Friedfertigkeit der Weltreligion Islam und dem Gewaltpotenzial des politischen Islamismus vorgenommen wird. Im Anschluss daran erfolgt eine Analyse des Wandels des Widerstandes, für den in der Forschung der Begriff des "Neuen Terrorismus" geprägt wurde. Über die Untersuchung der Mittel des Widerstands und seine Internationalisierung gelangt die Arbeit zu einer kurzen Darstellung der Zukunftsaussichten und möglicher Handlungsoptionen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit, das die gewonnenen Erkenntnisse bündelt und Huntingtons These einer kritischen Würdigung unterzieht.

 

Der Verfasser ist sich der Tatsache bewusst, dass eine Untersuchung dieses komplexen und vielschichtigen Themas im Rahmen einer einzelnen Studie zwangsläufig Selektionsentscheidungen erfordert. Der Fokus dieser Arbeit liegt bewusst auf der Analyse der Wahrnehmung und Rezeption des Konflikts aus einer westlichen Perspektive sowie auf der Transformation der Gewaltmittel. Dies bedeutet notwendigerweise eine Einschränkung der Quellenbasis, die überwiegend aus westlicher bzw. im Westen rezipierter Fachliteratur besteht. Die Arbeit erhebt daher nicht den Anspruch, die innermuslimische Diskursvielfalt in ihrer gesamten Breite abzubilden, sondern versteht sich als ein Beitrag zur Versachlichung eines oft emotional geführten Diskurses. Eine umfassende Analyse unter Einbeziehung originär islamischer Theologen und Denker aus dem arabischen, türkischen oder indonesischen Raum wäre eine lohnende Aufgabe für weiterführende, eigenständige Forschungen.

 

2. Die Ursachen und Reibungspunkte im Konflikt zwischen radikalem Islamismus und dem Westen

 

2.1. Begriffliche Differenzierung: Islam vs. Islamismus – Die Täter als Splittergruppen

 

Zu Beginn dieses Abschnitts erscheint eine terminologische Klärung unabdingbar, soll der Untersuchungsgegenstand präzise erfasst werden. Es gilt, streng zwischen der Weltreligion des Islam und der politischen Ideologie des Islamismus zu unterscheiden. Während der Islam als eine der großen Offenbarungsreligionen eine Vielzahl von Strömungen, Traditionen und Auslegungen umfasst und für die Mehrheit seiner Anhänger eine friedliche Glaubenspraxis darstellt, bezeichnet der Islamismus eine politisierte Form des Islam. Er ist eine modernistische, ideologische Bewegung, die den Islam nicht nur als Religion, sondern als umfassendes politisches, gesellschaftliches und rechtliches System versteht und seine Rückkehr in den öffentlichen Raum sowie die Errichtung einer islamischen Ordnung anstrebt (Vgl. Tibi, Die fundamentalistische Herausforderung, S. 181).

 

Die tatsächlichen Akteure der Gewalt, die im Zentrum der öffentlichen Diskussion um einen Kampf der Kulturen stehen, sind demnach nicht Repräsentanten der islamischen Weltgemeinschaft, sondern Splittergruppen dieser politisierten Strömung. Wenn im Folgenden von der "islamischen Seite" im Kontext des Kampfes der Kulturen die Rede ist, so bezieht sich dies stets auf diese radikalen Islamisten, die ihre Religion für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren und dabei die Stimme der moderaten Mehrheit der Muslime nicht nur nicht repräsentieren, sondern aktiv bekämpfen (Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 281 f.).

 

An dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich betont, dass der Begriff der 'islamischen Welt' im Rahmen dieser Arbeit als geografisch-kulturelle Sammelbezeichnung verwendet wird und keinesfalls eine Homogenität der dort lebenden Menschen, ihrer politischen Überzeugungen oder ihrer religiösen Praktiken suggerieren soll. Die Lebensrealitäten eines Muslims in Marokko, Indonesien, der Türkei oder Saudi-Arabien unterscheiden sich fundamental voneinander. Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf jene radikalen Strömungen, die sich zwar auf den Islam berufen, aber von der überwältigenden Mehrheit der Muslime weltweit nicht als legitim anerkannt werden. Die Vielfalt und Komplexität innerislamischer Diskurse, Reformbewegungen und theologischer Schulen kann und will diese Arbeit nicht im Detail erfassen; sie bleibt ein Desiderat, dessen Erfüllung den Rahmen dieser Studie bei weitem sprengen würde.

 

2.2. Die Instrumentalisierung der Religion zur Legitimation von Gewalt

 

Ein zentrales Charakteristikum dieser Gruppierungen ist die Instrumentalisierung religiöser Symbole und Texte zur Legitimation von Gewalt. Die Berufung auf den Koran dient dabei nicht der theologischen Fundierung, sondern der politischen Mobilisierung und Rechtfertigung. Osama Bin Ladins Aufruf, die Tötung eines jeden Amerikaners sei die individuelle Pflicht eines jeden Muslims, ist ein eindrückliches Beispiel für diese Enteignung religiöser Autorität durch einen Akteur ohne jede islamisch-theologische Legitimation (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 47). Weder Bin Laden noch seine Mitstreiter waren Gelehrte des islamischen Rechts. Es handelte sich um Privatpersonen, die sich anmaßten, im Namen einer gesamten Glaubensgemeinschaft zu sprechen (Vgl. ebd.).

 

Diese Vereinnahmung der Religion offenbart eine tiefe innere Zerrissenheit des Islam, die im Spannungsfeld zwischen einer toleranten, liberalen Auslegung und einer radikalen, fundamentalistischen Lesart angesiedelt ist. Letztere ist bereit, für die Durchsetzung ihrer vermeintlich traditionellen Werte Andersgläubige und Andersdenkende zu töten und stellt damit die eigentliche Bedrohung dar – die "threat posed by Islamist terrorism" (National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 363). Der Islamismus erkennt in der Verfolgung seiner Ziele keinerlei Grenzen an; die Gesetze Allahs besitzen für ihn globale Gültigkeit (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 6 f.).

 

2.3. Historische und politische Ursachenanalyse

 

2.3.1. Der Einfluss von Imperialismus, Kolonialismus und gescheiterter Säkularisierung

 

Die Genese dieses Phänomens ist nicht losgelöst von historischen und politischen Entwicklungen zu betrachten. Zahlreiche Autoren charakterisieren den islamischen Fundamentalismus als ein Produkt der Globalisierung und als Mittel des Widerstands gegen die von ihr ausgelösten Prozesse der kulturellen Homogenisierung (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 42). Ein schwerer wiegender Vorwurf lautet, der Westen sei in die islamische Welt eingedrungen und habe Muslime mit den Mitteln der Säkularisierung zum Abweichen von islamischen Werten verlockt. Dies habe in der islamischen Welt das Gefühl erzeugt, ihre Eigenständigkeit nur noch durch die Aneignung europäischer Vorgaben umsetzen zu können (Vgl. ebd., S. 52).

 

Der europäische Imperialismus hat durch Kolonialverwaltungen und nicht zuletzt durch intellektuelle Eliten, die von ihren Studienreisen aus Europa zurückkehrten, Ideologien in muslimische Länder transportiert, die sich alsbald als unvereinbar mit den Prinzipien des Islam darstellen sollten. Gleichzeitig machten sich andere im Westen ausgebildete Muslime die Erfahrungen der Moderne im Kampf gegen den Westen zunutze (Vgl. ebd., S. 15). Es lag jedoch nicht im Interesse der muslimischen Modernisten, ihre Glaubensbrüder vom Islam abzubringen; ihr Ziel war vielmehr eine Ergänzung der eigenen Kultur durch das Vorbild des Westens, um mit Hilfe der Nationalstaatlichkeit politische Freiheit zu erlangen (Vgl. Elger, Kleines Islam-Lexikon, S. 203).

 

2.3.2. Die These von der "Importiertheit" des westlichen Nationalstaatsmodells

 

Das Scheitern dieser kulturellen Verwestlichung und der Aneignung der Moderne führte in den genauen Gegensatz des ursprünglich Erwünschten. Die als fremd empfundene staatliche Ordnung, der "verpflanzte, moderne, säkulare Staat" , der nach einem westlichen Vorbild geformt war, das den Traditionen des Islam fremd war, erwies sich als unfähig, die Entwicklungsaufgaben zu bewältigen (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 36; vgl. auch Huntington, Kampf der Kulturen, S. 284). Huntington erklärt die daraus resultierenden Legitimitätsprobleme islamischer Staaten als Folge ihrer Existenz als willkürliche Produkte des europäischen Imperialismus, denen der organische Bezug zu den kulturellen Traditionen ihrer Gesellschaften fehlt (Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 281).

 

Dieses strukturelle Defizit schuf ein Vakuum, das von islamistischen Bewegungen gefüllt werden konnte. Sie entwickelten sich zu direkten Wegbereitern eines Fundamentalismus, der in der Durchsetzung seiner Ziele keinerlei Grenzen mehr anerkennt und aus der vermeintlich globalen Gültigkeit der Gesetze Allahs die Idee einer islamischen Weltordnung ableitet, deren zentrales Ziel die Abschaffung des Säkularismus ist (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 6 f. u. S. 7).

 

2.3.3. Modernisierungsdefizite und Identitätskrisen als Nährboden des Fundamentalismus

 

Die mangelnde Identifikation vieler Muslime mit den als importiert empfundenen Staatsstrukturen und die von diesen Staaten nicht zu bewältigenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme führten zu einer tiefgreifenden Identitätskrise. In dieser Situation bot der Islamismus eine Alternative: Er versprach nicht nur materielle Verheißungen, sondern vor allem ein hohes kulturelles und religiöses Selbstwertbewusstsein. Der kulturelle Schicksalskampf wird über die Religion ausgetragen, da es an alternativen, als authentisch empfundenen Plattformen mangelt (Vgl. Thamm, Terrorismus, S. 384).

 

Der Westen avancierte dabei zum idealen Feindbild, weil er als Verursacher der Entwicklungskrise und der daraus resultierenden Identitätslosigkeit ausgemacht wurde. Die Wahrnehmung einer fundamentalen kulturellen Differenz, die für den westlichen Geist nur schwer zu erfassen ist, verstärkte diesen Gegensatz zusätzlich. Paul Berman konstatiert hierzu, dass die tiefsten Mentalitäten und Emotionen der muslimischen Welt, ihre kulturellen Erinnerungen und intellektuellen Instinkte sich nicht nur von denen des Westens unterschieden, sondern für den westlichen Geist nahezu unverständlich seien (Vgl. Berman, Terror and Liberalism, S. 24).

 

2.4. Das Feindbild "Westen" und die Idee einer islamischen Weltordnung

 

Aus der skizzierten Ursachenanalyse lässt sich schlussfolgern, dass der schwelende Zivilisationskonflikt – der vermeintliche Kampf der Kulturen – seine Wurzeln im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Vorstellungen von Gesellschaft, Staat und Identität hat. Es handelt sich, wie Berman betont, um zwei unterschiedliche Referenzuniversen, zwei Zivilisationen und zwei Kulturen (Vgl. Berman, Terror and Liberalism, S. 24 f.). Der Westen fungiert als Chiffre für all das, was die islamistische Ideologie ablehnt: Säkularismus, individuelle Freiheit, Gewaltenteilung und die Trennung von Religion und Staat.

 

Die von islamistischen Ideologen propagierte islamische Weltordnung zielt daher konsequent auf die Überwindung dieser Prinzipien ab. Terrorakte lassen sich vor diesem Hintergrund als Mittel der Gegenwehr und zur Aufwertung der eigenen, als bedroht empfundenen Identität deuten. Sie sind zwar nicht zu rechtfertigen, aber in ihrer Wirkung und Ursache erklärbar, denn das elementare Ziel terroristischer Gewalttätigkeit besteht letztendlich darin, das bestehende System zu verändern und eine eigene Ordnungsvorstellung zu etablieren (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 53).

 

3. Die Transformation des gewaltsamen Widerstands: Die Qualität des „Neuen Terrorismus“

 

3.1. Historische Vorläufer und die Zeitenwende des Terrorismus (ab 1968)

 

3.1.1. Das Aufkommen internationaler Aufmerksamkeit als taktisches Mittel

 

Die Genese dessen, was heute als moderner internationaler Terrorismus bezeichnet wird, lässt sich auf eine spezifische Zäsur zurückdatieren: den 22. Juli 1968 (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 85). Die Entführung eines israelischen Passagierflugzeugs durch eine Gruppe der palästinensischen Befreiungsfront PLO markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Terrorismus. Erstmals stand nicht mehr ausschließlich die unmittelbare politische Forderung im Vordergrund, sondern ebenso die mit der Tat erzeugte mediale Aufmerksamkeit und die daraus resultierende politische Signalwirkung. Die Terroristen verfolgten das Ziel, ihre Geiseln gegen in Israel inhaftierte palästinensische Gefangene auszutauschen – eine Taktik, die den Staat Israel zwang, entgegen seiner erklärten Politik direkt mit der Organisation zu kommunizieren (Vgl. ebd., S. 85 f.).

 

Die Definition der 9/11-Kommission verdeutlicht diesen Paradigmenwechsel präzise: "Terrorism is premeditated, politically motivated violence perpetrated against noncombatant targets by subnational or clandestine agents, usually intended to influence an audience" (Schweitzer, A Faceless Enemy, S. 24). Die Adressaten terroristischer Gewalt sind demnach nicht mehr primär die unmittelbaren Opfer, sondern die Öffentlichkeit und die politische Entscheidungselite, deren Verhalten durch die erzeugte Angst beeinflusst werden soll.

 

Die Folgewirkung dieser neuen Strategie beschrieb der damalige Leiter der PLO-Delegation bei den Vereinten Nationen, Zehdi Labib Terzi, mit bemerkenswerter Offenheit: Die ersten Entführungen hätten das "Gewissen der Welt" wachgerüttelt und die Medien sowie die Weltöffentlichkeit weitaus stärker und effektiver aufgerüttelt, als es Plädoyers vor den Vereinten Nationen im Laufe von 20 Jahren vermocht hätten (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86).

 

3.1.2. Die Abkehr von Verhandlungen und die Entgrenzung der Gewalt

 

Ein weiteres Charakteristikum dieser Zeitenwende bestand in der zunehmenden Entgrenzung der Gewalt. Terroristen reisten zur Ausübung ihrer Anschläge in Länder, die mit ihrem eigentlichen Konflikt nichts zu tun hatten, und wählten wahllos Menschen aus dritten, unbeteiligten Staaten als Opfer aus. Die Staaten hatten ihr Monopol auf Krieg de facto an nicht-staatliche Akteure abgegeben (Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 182 ff.).

 

Diese Entwicklung führte zu einer fundamentalen Veränderung der Konfliktlogik. Aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Basis zwischen Terroristen und potenziellen Unterhändlern lassen Verhandlungen, die über eine kurzfristige Entschärfung einer Situation hinausgehen, nicht mehr zu. Die 9/11-Kommission konstatiert hierzu: "It is not a position [to] bargain or negotiate. With it there is no common ground – not even respect for life – on which to begin a dialogue" (National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 363). Für die Terroristen avanciert der kriegerische Kampf zur Lebensform; ihre Gewalt wendet sich nicht gegen die bewaffnete Macht eines direkten Gegners, sondern mehrheitlich gegen Zivilbevölkerungen (Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 24 ff.).

 

3.2. Charakteristika des „Neuen Terrorismus“

 

3.2.1. Internationalisierung und Entterritorialisierung der Bedrohung

 

Die Internationalisierung des Terrorismus geht einher mit seiner Entterritorialisierung. Terroristische Netzwerke wie Al-Qaida operieren nicht von einem klar definierten Staatsgebiet aus, sondern nutzen die Räume gescheiterter Staaten oder schwer zugänglicher Regionen als Rückzugsgebiete. Die 9/11-Kommission beschreibt diese neue Qualität eindringlich: "An organization like al Qaeda, headquartered in a country on the other side of the earth, in a region so poor that electricity or telephones were scarce, could nonetheless scheme to wield weapons of unprecedented destructive power in the largest cities of the United States" (National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 362 f.).

 

Diese Entkoppelung von territorialer Bindung und operationsfähiger Struktur macht die neue Bedrohung so schwer fassbar. Während Krisen und Gefahrenherde in der Vergangenheit frühzeitig erkannt werden konnten, brechen Bedrohungen heute oft plötzlich und unerwartet los. Die zahlenmäßige Stärke der "Krieger" steht in keinem Verhältnis zu vergangenen Epochen, denn um gefährlich zu sein, musste ein Feind einst über große Armeen verfügen (Vgl. ebd., S. 362).

 

3.2.2. Destabilisierung als primäres Ziel: Erzeugung von Angst und Unsicherheit

 

Das primäre Ziel des neuen Terrorismus ist nicht mehr die militärische Niederringung eines Gegners, sondern die Destabilisierung von Gesellschaften und Staaten. Diese resultiert aus Angst, Ungewissheit und Misstrauen. Terroristen wollen schockieren und dadurch weltweit Furcht und Unruhe erzeugen (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86).

 

Anschläge wie jener in Madrid im März 2004 verkünden eine zentrale Botschaft: Heute ist es hier geschehen, vielleicht schon morgen an einem anderen Ort, der heute nicht damit rechnet. Die Gefahr wird ungreifbar, da Anschläge überall und jederzeit ausgeführt werden können. Das der Destabilisierung dienende Mittel ist der Terrorismus, der Unruhe herbeiführt (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 13 u. S. 33). Auch wenn das Fernziel einer neuen Weltordnung ohne Säkularismus, sondern mit einer Gottesherrschaft, unrealistisch erscheinen mag, ist der Kampf gegen den Westen für viele radikalisierte Muslime ein Ausdruck eigener Stärke und Selbstvergewisserung.

 

3.2.3. Die symbiotische Beziehung zwischen Terrorismus und Medien

 

Ein entscheidendes Mittel, dessen sich die Terroristen bedienen, sind die Massenmedien. Bruce Hoffman betont, dass terroristisches Handeln ohne Medienberichterstattung in seiner Wirkung weitgehend ins Leere liefe; die Wahrnehmung bliebe dann eng begrenzt auf die unmittelbaren Opfer von Angriffen und erreichte nicht das größere Zielpublikum, auf das die Gewalttätigkeit der Terroristen eigentlich abzielt (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 173).

 

Die Produktion bedeutsamer Medienereignisse erfolgt durch die Kombination mehrerer Faktoren: einer dramatischen politischen Forderung, der symbolischen Wahl des Anschlagsziels (wie das World Trade Center und das Pentagon am 11. September), der durch die Krise herbeigeführten De-facto-Anerkennung der Organisation (Al-Qaida als Kriegsgegner der USA) und der Involvierung unschuldiger Zivilisten, die im Verständnis der Terroristen freilich keineswegs zwangsläufig unschuldig sind (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86).

 

3.2.4. Asymmetrische Kriegsführung: Selbstmordattentate und der Kampf ohne Armeen

 

Die Asymmetrie des neuen Terrorismus zeigt sich am deutlichsten in der Wahl der Mittel. Selbstmordattentate, wie sie in New York und Washington verübt wurden und im Nahen Osten nahezu täglich vorkommen, belegen, dass zur Herbeiführung von Destabilisierung, Unruhe und Unsicherheit weder große Armeen noch eine hohe Zahl von Widerstandskämpfern erforderlich sind. Allein die Beschaffung der zur Durchführung notwendigen Utensilien setzt eine gewisse logistische Organisation voraus, während die reine Durchführung in vielen Fällen nicht einmal einer detaillierten Planung bedarf. Lediglich ein Zweck muss erfüllt werden: Die Wirkung muss verheerend und aufmerksamkeitswirksam sein.

 

Der erste Anschlag auf das World Trade Center im Februar 1993 signalisierte bereits diese neue terroristische Herausforderung, deren Wut und Bösartigkeit keine Grenzen kannte (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 72). Ein Krieg im klassischen Sinne wäre für den radikalen Islamismus aufgrund seiner Unterlegenheit an Zahl und Bewaffnung nicht zu gewinnen; er ist für die mittelfristige Durchsetzung seiner Ziele aber auch nicht zwingend notwendig. Die Anschläge vom 11. September, auf Djerba, in Madrid, im Nahen Osten und im Irak verdeutlichen die Fähigkeit der Islamisten, einen beachtlichen Grad der Destabilisierung – bisweilen gar auf internationaler Ebene – zu erzielen (Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 183).

 

3.3. Die Transnationalität der terroristischen Gefahr als bestimmendes Merkmal des 21. Jahrhunderts

 

Die Transnationalität der terroristischen Gefahr erweist sich als die bestimmende Qualität der Weltpolitik im 21. Jahrhundert (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 362). Die Welt nach dem 11. September wird mehr durch die Bruchlinien innerhalb von Gesellschaften definiert als durch die territorialen Grenzen zwischen ihnen (Vgl. ebd., S. 361). Diese Entwicklung stellt die klassische Staatenwelt vor fundamentale Herausforderungen, denn die Bedrohung geht nicht mehr von anderen Staaten aus, sondern von Netzwerken, die sich die Freiheiten und Offenheiten moderner Gesellschaften zunutze machen, um diese von innen heraus zu destabilisieren.

 

Die Kommission zum 11. September warnte eindringlich vor dieser neuen Qualität: Der Feind werde amerikanische Interessen noch lange bedrohen, nachdem Osama Bin Laden und seine Kumpane getötet oder gefangen genommen worden seien (Vgl. ebd., S. 364). Diese Prognose unterstreicht die Notwendigkeit, den Kampf gegen den Terrorismus nicht als vorübergehende militärische Auseinandersetzung zu begreifen, sondern als langfristige gesellschaftliche und politische Herausforderung.

 

4. Zukunftsaussichten und Handlungsoptionen im Spannungsfeld der Kulturen

 

4.1. Die politische Rhetorik und die Realität der Bedrohung

 

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 äußerte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, man lasse sich "von den Terroristen nicht in einen Kampf der Kulturen ziehen" (Thamm, Terrorismus, S. 384). Diese Äußerung wirft die grundsätzliche Frage auf, ob es sich bei solchen Bekundungen um eine schlüssige und entschiedene Stellungnahme verantwortungsbewusster Politik handelt oder ob sich in diese Erklärung nicht vielmehr eine gewisse Blauäugigkeit gegenüber der Realität der Bedrohung einschleicht.

 

Das Beispiel des ersten Anschlags auf das World Trade Center 1993 schreckte die Welt zwar auf, doch obwohl die Bombardierung das Bewusstsein für eine neue terroristische Gefahr schärfte, trugen die erfolgreichen Strafverfolgungen zu einer weitverbreiteten Unterschätzung der Bedrohung bei (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 73). Die Anerkennung der Gefahr in ihrem vollen Um aber würde den lieb gewordenen Traum von einer friedlichen Welt, vom Wegfall von Konfrontation und Bedrohung zerstören (Vgl. Thamm, Terrorismus, S. 384).

 

Die Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und sicherheitspolitischer Realität erweist sich als ein Grundproblem im Umgang mit dem neuen Terrorismus. Einerseits gebietet die politische Verantwortung, die Bevölkerung zu beruhigen und Panik zu vermeiden. Andererseits führt die Verharmlosung der Bedrohung zu einer gefährlichen Selbstentwaffnung im öffentlichen Bewusstsein, die von den Terroristen strategisch ausgenutzt wird.

 

4.2. Die Notwendigkeit eines Dialogs mit der friedlichen islamischen Welt

Eine zentrale Qualität des neuen Terrorismus besteht darin, dass es mit den Terroristen selbst keinen Dialog gibt. Die Spirale der Gewalt findet daher scheinbar kein Ende. Beispiele hierfür finden sich nahezu täglich im Nahen Osten. Dennoch muss der Dialog erfolgen, wenn auch auf anderen Wegen und mit anderen Akteuren. Es versteht sich von selbst, dass kein unmittelbarer Austausch mit Terroristen stattfinden kann, die Menschenleben verachten.

 

Dementsprechend muss der Dialog mit der islamischen Welt, mit den friedlichen Muslimen, verstärkt werden. Paul Berman gibt mit seiner Feststellung, westliche Traditionen hätten nichts mit der muslimischen Welt zu tun (Vgl. Berman, Terror and Liberalism, S. 24), zu bedenken, dass eine Überstülpung der islamischen Welt mit westlichen Standards nicht möglich ist und eine Demokratisierung nicht von heute auf morgen vonstattengehen kann.

 

Die Identität der friedlichen Muslime muss in diesem Dialog aufgewertet werden und zum Tragen kommen. Es gilt, jene Kräfte zu stärken, die innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften für eine liberale und tolerante Auslegung des Islam eintreten und sich gegen die gewalttätigen Extremisten stellen. Andernfalls droht jene düstere Prognose der 9/11-Kommission Wirklichkeit zu werden: Der Feind werde amerikanische und westliche Interessen noch lange bedrohen, nachdem Osama Bin Laden und seine Kumpane getötet oder gefangen genommen worden seien (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 364).

 

4.3. Die Langfristigkeit von Transformationsprozessen in islamischen Gesellschaften

 

Der Prozess der islamischen Transformation hin zu einer toleranten Gemeinschaft, einer Anerkennung von Gesetzen westlicher Standards, politischer und ökonomischer Aufgeschlossenheit sowie der Gleichberechtigung der Frau kann nicht in Jahren, sondern muss in Dekaden gedacht und eingeleitet werden. Die 9/11-Kommission betont nachdrücklich, dass es sich um einen Prozess handelt, der von islamistischen Terrororganisationen gewaltsam bekämpft werden wird (Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 364).

 

Diese Langfristigkeit stellt die westlichen Gesellschaften vor eine Geduldsprobe. Der islamistische Terrorismus wird unter den Muslimen selbst immer mehr an Unterstützung und Toleranz verlieren, sofern der Westen nicht das Gefühl der Okkupation und kulturellen Bevormundung vermittelt. Entscheidend ist daher ein behutsames Vorgehen, das die Autonomie islamischer Gesellschaften respektiert und gleichzeitig Entwicklungsperspektiven eröffnet.

 

Die historische Erfahrung lehrt, dass tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen nicht von außen verordnet werden können, sondern aus den Gesellschaften selbst herauswachsen müssen. Der Westen kann diesen Prozess durch KooperationBildungsangebote und wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützen, nicht aber durch militärische Interventionen oder kulturelle Missionierung erzwingen.

 

4.4. Die Botschaft des Terrors und ihre richtige Interpretation als Grundlage für Gegenstrategien

 

Der terroristische Akt zielt darauf ab, eine Botschaft zu übermitteln (Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 209). Diese Botschaft richtig zu entschlüsseln und einzuschätzen, erweist sich als grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung wirksamer Gegenstrategien. Die Botschaft des neuen Terrorismus lautet nicht primär "wir wollen euch vernichten", sondern vielmehr: "wir sind bereit, für unsere Überzeugungen zu sterben – seid ihr das auch?".

 

Diese Asymmetrie der Motivation unterschätzt der Westen systematisch. Während westliche Gesellschaften auf Sicherheit, Wohlstand und individuelles Glück ausgerichtet sind, basiert die terroristische Logik auf einer vollständig anderen Wertordnung. Die Attentäter des 11. September opferten ihr Leben für eine transzendente Belohnung, die in ihrer Vorstellung jedes irdische Glück bei weitem überstieg.

 

Eine erfolgreiche Gegenstrategie muss diese unterschiedlichen motivationalen Grundlagen berücksichtigen. Sie darf sich nicht in militärischen Aktionen erschöpfen, sondern muss die ideologische Auseinandersetzung suchen. Der Kampf gegen den Terrorismus ist auch ein Kampf um die Deutungshoheit über die eigenen Werte und Überzeugungen. Solange junge Muslime in der westlichen Welt keine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Anerkennung sehen, werden die Prediger des Hasses weiterhin fruchtbaren Boden für ihre Botschaft finden.

 

Die richtige Interpretation der Botschaft des Terrors führt somit zu einer doppelten Einsicht: Sie erfordert einerseits eine unnachgiebige Bekämpfung derjenigen, die zu Gewalt und Mord aufrufen. Sie erfordert andererseits eine selbstkritische Prüfung der eigenen Politik, die durch ungerechte Strukturen, Ausbeutung und kulturelle Arroganz immer wieder neue Nahrung für das Feindbild vom "dekadenten Westen" liefert.

 

5. Schlussbetrachtung: Der „Kampf der Kulturen“ – Weltkrieg light oder Schimäre?

 

5.1. Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse

 

Die vorliegende Untersuchung hatte zum Ziel, die These Samuel P. Huntingtons vom "Kampf der Kulturen" einer kritischen Überprüfung zu unterziehen, fokussiert auf das Spannungsverhältnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Ausgehend von einer differenzierten Betrachtung der Akteure wurde zunächst herausgearbeitet, dass der vermeintliche Konflikt der Zivilisationen in seiner gewaltsamen Dimension nicht von der islamischen Welt als Ganzer geführt wird, sondern von Splittergruppen des politischen Islamismus. Diese instrumentalisieren die Religion für ihre politischen Ziele und sind nicht als Repräsentanten der muslimischen Gemeinschaft anzusehen.

 

Die Analyse der Ursachen offenbarte ein komplexes Bedingungsgefüge aus historischen Hypotheken (Imperialismus, Kolonialismus), strukturellen Defiziten (gescheiterte Säkularisierung, importierte Staatsmodelle) und sozioökonomischen Krisenphänomenen (Modernisierungsdefizite, Identitätskrisen). Diese Faktoren schufen einen Nährboden für fundamentalistische Strömungen, die im Westen das Feindbild schlechthin konstruierten und die Errichtung einer islamischen Weltordnung zum Programm erhoben.

 

Im Hinblick auf die Transformation des gewaltsamen Widerstands konnte eine grundlegende Qualitätsveränderung des Terrorismus nachgewiesen werden. Die Herausbildung eines "Neuen Terrorismus" seit der Zeitenwende von 1968 ist gekennzeichnet durch Internationalisierung, Entterritorialisierung, eine symbiotische Beziehung zu den Medien und den Einsatz asymmetrischer Kriegsmittel wie Selbstmordattentate. Die Destabilisierung von Gesellschaften und die Erzeugung von Angst und Unsicherheit treten als primäre Ziele an die Stelle klassischer militärischer Auseinandersetzungen. Die Transnationalität dieser Bedrohung erweist sich als bestimmendes Merkmal der Weltpolitik im 21. Jahrhundert.

 

5.2. Kritische Würdigung der These Huntingtons im Lichte der Analyse

 

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse ist Huntingtons These vom Kampf der Kulturen einer differenzierten Würdigung zu unterziehen. Huntington selbst warnte vor einer geopolitischen Variante dieses Konflikts, die im Verlauf des 21. Jahrhunderts einen Dritten Weltkrieg auszulösen drohe (Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 491 ff.). Die Frage, wie ein solcher Weltkrieg aussehen würde, ist von grundlegender Bedeutung für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit und der empirischen Belastbarkeit von Huntingtons Prognose.

 

Für die These Huntingtons spricht, dass das Kriegsgeschehen während des vergangenen Jahrzehnts tatsächlich einen kompletten Wandel vollzogen hat. Wenn der von Splittergruppen transnational geführte Kampf gegen Werte, die den ihren nicht entsprechen, die Bezeichnung des "neuen Krieges" verdient, so muss auch die Bezeichnung eines "neuen Weltkriegs" zumindest diskutabel erscheinen. Es herrscht ein unregelmäßig auftretender weltweiter Terror, weltweit besteht die Gefahr eines Anschlags oder einer anders gearteten terroristischen Aktion, wie Beslan und Madrid zeigen. Möglicherweise hat dieser Krieg längst begonnen, wenn bislang auch in einem gemäßigten, nicht flächendeckenden Umfang.

 

Gegen die These spricht hingegen die Friedfertigkeit der islamischen Welt, die nicht durch radikale Islamisten und deren Terror repräsentiert wird. Die überwältigende Mehrheit der Muslime weltweit lehnt Gewalt ab und strebt nach einem friedlichen Zusammenleben mit Andersgläubigen. Die Gleichsetzung des Islam mit dem Islamismus, die in der öffentlichen Diskussion oft implizit mitschwingt, ist wissenschaftlich unhaltbar und politisch kontraproduktiv. Sie spielt jenen Kräften in die Hände, die den Konflikt erst konstruieren und perpetuierten wollen.

 

Auch die Frage, ob der Kampf der Kulturen mit den Anschlägen vom 11. September seinen eigentlichen Ausbruch erfahren hat, ist strittig. Diese These kann kaum seriös beantwortet werden, da sie den vorangegangenen Konflikt vernachlässigt, in dem eine Splittergruppe islamischer Terroristen die USA und mit ihr die Werte der westlichen Welt längst zum Feind erklärt hatte. Die Anschläge waren eine Zäsur in der Wahrnehmung, nicht aber der Beginn des Konflikts. Es handelt sich nach der hier vertretenen Auffassung nicht um einen Kampf zwischen islamischer und westlicher Kultur, denn Bin Laden ist kein Repräsentant des Islam, so wenig wie die Mörder von Beslan Repräsentanten des Tschetschenien sind.

 

Die vorliegende Untersuchung bewegt sich bewusst in einem Spannungsfeld, das von ideologischen Lagern auf beiden Seiten vereinfacht und instrumentalisiert wird. Sie wendet sich gleichermaßen gegen zwei reduktionistische Deutungen: Zum einen gegen die islamistische These, die den Konflikt als religiös legitimierten Kampf gegen einen dekadenten Westen verklärt und dabei die Friedfertigkeit ihrer eigenen Religion missbraucht. Zum anderen gegen die rechtspopulistische und islamfeindliche These, die den Terrorismus als zwangsläufige Folge der islamischen Religion selbst deutet und damit nicht nur wissenschaftlich unhaltbare Pauschalurteile fällt, sondern auch jene liberalen und demokratischen Kräfte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften schwächt, die als eigentliche Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus gewonnen werden müssten. Die Arbeit versteht sich stattdessen als Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung, die historische Ursachen anerkennt, ohne sie zu entschuldigen, und die religiöse Motive analysiert, ohne in kulturelle Determinismen zu verfallen.

 

5.3. Abschließendes Fazit zur aktuellen und zukünftigen Bedeutung des Konflikts

 

Die Auswirkungen terroristischer Attentate und ihre Folgen für die Zukunft sind kaum sachlich zu bewerten. Die emotionale Betroffenheit, die von solchen Ereignissen ausgeht, verstellt oft den Blick für die notwendigen Differenzierungen. Gleichwohl lässt sich aus der Analyse ein abschließendes Fazit formulieren:

 

Huntingtons These vom Kampf der Kulturen erweist sich bei genauer Betrachtung als eine gefährliche Vereinfachung einer hochkomplexen Realität. Sie suggeriert einen Determinismus, der so nicht existiert. Kulturen sind keine monolithischen Blöcke, die zwangsläufig miteinander kollidieren müssen. Sie sind durchlässig, wandelbar und von inneren Differenzierungen geprägt. Der Konflikt, den wir beobachten, ist kein Kampf der Kulturen, sondern ein Kampf gegen die Moderne, der mit den Mitteln einer politisierten Religion ausgetragen wird.

 

Die Zukunft wird zeigen, ob es gelingt, diesen Kampf einzudämmen und die Bruchlinien zu überwinden. Der Dialog mit der friedlichen islamischen Welt, die Stärkung liberaler Kräfte innerhalb muslimischer Gesellschaften und die Überwindung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung in den internationalen Beziehungen sind die eigentlichen Schlüssel zur Befriedung. Solange diese Aufgaben nicht angegangen werden, wird der Terrorismus eine Bedrohung bleiben – nicht als Vorbote eines Dritten Weltkriegs im klassischen Sinne, aber als ständige, nagende Gefahr für die offene Gesellschaft und ihr friedliches Zusammenleben.

 

Der "Kampf der Kulturen" ist daher weder als Weltkrieg light noch als bloße Schimäre zu verwerfen. Er ist ein Deutungsmuster, das in seiner Suggestivkraft eine gefährliche Eigendynamik entfalten kann. Die eigentliche Aufgabe von Wissenschaft und Politik muss es sein, dieses Deutungsmuster zu dekonstruieren und durch eine Sprache der Differenzierung, der Kooperation und der gemeinsamen Suche nach Lösungen zu ersetzen.

 

An dieser Stelle erscheint eine abschließende persönliche Reflexion des Verfassers geboten. Die vorliegende Untersuchung versteht sich bewusst als ein Beitrag zu einem Diskurs, der allzu oft von vereinfachenden Feindbildern und ideologischen Verkürzungen geprägt ist. Sie erhebt nicht den Anspruch, absolute Wahrheiten zu verkünden, sondern möchte vielmehr zu einer differenzierten und sachlichen Auseinandersetzung mit einem der komplexesten Themen unserer Zeit einladen.

 

Der Verfasser ist sich der Tatsache bewusst, dass jede wissenschaftliche Analyse eines derart emotional aufgeladenen Themas unweigerlich an Grenzen stößt – Grenzen der eigenen Perspektive, der verfügbaren Quellen und der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeit. Wenn es dieser Arbeit dennoch gelungen ist, die Einebnung von Differenzen zu vermeiden, vorschnelle Urteile zu hinterfragen und die Notwendigkeit eines Dialogs jenseits von Terror und Gegenterror zu unterstreichen, dann hat sie ihr Ziel erreicht. Die eigentliche Aufgabe – die konkrete Umsetzung dieser Erkenntnisse in eine Politik der Verständigung und der langfristigen Konfliktbearbeitung – bleibt freilich eine Herausforderung für die politisch Verantwortlichen und die Zivilgesellschaften auf beiden Seiten.

 

Endnoten

1 Vgl. Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach, 5. Auflage, München 1997, S. 491 u. S. 514 ff.

2 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks Upon The United States (The 9/11 Commission): The 9/11 Commission Report. Final Report of the National Commission on Terrorist Attacks Upon The United States, New York 2004, S. 47.

3 Vgl. Hoffman, Bruce: Terrorismus – Der unerklärte Krieg, aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Frankfurt a.M. 2001, S. 209.

4 Vgl. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Reinbek 2002, S. 182 ff.

5 Vgl. Tibi, Bassam: Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik, München 2002, S. 181.

6 Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 281 f.

7 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 47.

8 Vgl. ebd.

9 Ebd., S. 363.

10 Vgl. Tibi, Bassam: Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?, Darmstadt 2000, S. 6 f.

11 Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 42.

12 Vgl. ebd., S. 52.

13 Vgl. ebd., S. 15.

14 Vgl. Elger, Ralf (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon, München 2001, S. 203.

15 Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 36; vgl. auch Huntington, Kampf der Kulturen, S. 284.

16 Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 281.

17 Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 6 f. u. S. 7.

18 Vgl. Thamm, Berndt Georg: Terrorismus. Ein Feind ohne Staat, Hilden 2002, S. 384.

19 Vgl. Berman, Paul: Terror and Liberalism, New York 2003, S. 24.

20 Vgl. Berman, Terror and Liberalism, S. 24 f.

21 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 53.

22 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 85.

23 Vgl. ebd., S. 85 f.

24 Vgl. Schweitzer, Glenn E.: A Faceless Enemy – The Origins of Modern Terrorism, Cambridge 2002, S. 24.

25 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86.

26 Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 182 ff.

27 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 363.

28 Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 24 ff.

29 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 362 f.

30 Vgl. ebd., S. 362.

31 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86.

32 Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 13 u. S. 33.

33 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 173.

34 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 86.

35 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 72.

36 Vgl. Tibi, Fundamentalismus im Islam, S. 183.

37 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 362.

38 Vgl. ebd., S. 361.

39 Vgl. ebd., S. 364.

40 Vgl. Thamm, Terrorismus, S. 384.

41 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 73.

42 Vgl. Thamm, Terrorismus, S. 384.

43 Vgl. Berman, Terror and Liberalism, S. 24.

44 Vgl. National Commission on Terrorist Attacks, The 9/11 Commission Report, S. 364.

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Hoffman, Terrorismus – Der unerklärte Krieg, S. 209.

47 Vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 491 ff.

 

Literaturverzeichnis

Berman, Paul: Terror and Liberalism, W.W. Norton & Company, New York 2003.

Elger, Ralf (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon, Verlag C.H. Beck, München 2001.

Hoffman, Bruce: Terrorismus – Der unerklärte Krieg, aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M. 2001.

Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach, 5. Auflage, Europa Verlag, München 1997.

Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Rowohlt Verlag, Reinbek 2002.

National Commission on Terrorist Attacks Upon The United States (The 9/11 Commission): The 9/11 Commission Report. Final Report of the National Commission on Terrorist Attacks Upon The United States, W.W. Norton & Company, New York 2004.

Schweitzer, Glenn E.: A Faceless Enemy – The Origins of Modern Terrorism, Perseus Publishing, Cambridge 2002.

Thamm, Berndt Georg: Terrorismus. Ein Feind ohne Staat, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, Hilden 2002.

Tibi, Bassam: Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000.

Tibi, Bassam: Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik, Verlag C.H. Beck, München 2002.

 

15 Şubat 2026 - Lüksemburg 

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